Skip to topic | Skip to bottom
Home
Hiaz.BuckyMediaConceptYosiGermanr1.1 - 05 Jul 2005 - 13:16 - TWikiGuesttopic end

Start of topic | Skip to actions
written by YosiWanunu based on conversations with and notes by Hiaz
MicroMacro.jpg

Beispiel der ästhetischen Umsetzung: die Kugelkonstruktion im Realraum überlagert mit einem Bild der Verschmutzung des Weltraums um der Erde (TypesOfPollution) und einem IpLogo, einer von uns entwickelten graphischen Darstellung von Datenübertragung im Internet.


Entwicklungsgeschichte

Wir haben in den letzten Jahren begonnen Internet Protokolle als Ausgangsmaterial für unsere Arbeit zu verwenden. Eine Vielzahl dieser Protokolle bilden die Grundlage dafür, Daten innerhalb von Computernetzwerken zu versenden. Für uns wurden diese Protokolle die Grundlage für Musik-, Video- und Lichtinterpretationen, die einzelnen Datenpakete wurden musikalische Noten. Nachdem sich unsere Zusammenarbeit über ganz Europa verteilt und die Kommunikation mehr und mehr ins Internet verlagert hatte, haben wir uns an einem bestimmten Punkt unserer gemeinsamen Entwicklung dazu entschieden, dieses Netzwerkumfeld als wesentliches Element in unsere Arbeit miteinzubeziehen. Die technischen Bedingungen unserer Zusammenarbeit wurden somit Teil unserer Kunst.

Ein weiterer Grund für diesen Entschluß ist die wachsende Bedeutung dieser Technologien in unserem Alltag; Internet Protokolle sind wie „ready mades“ unserer heutigen Zeit, das, was Philip K. Dick „the humming of the machines“ genannt hat. In unserer Arbeit versuchen wir diese „Hintergrundgeräusche“ in audiovisuelle Erfahrungen zu übersetzen, ohne dabei die Komplexität der Kommunikation zu verlieren. Es ist ein Prozeß, der abstrakten Text (der den meisten Menschen verborgen bleibt) in konkreten Text (Ton, Bild, Licht) übersetzt und dann wieder in abstrakten, künstlerischen Input zurückführt. Dieser künstlerische Input manifestiert sich auf unterschiedliche Weisen – in Form von Software, Musikaufnahmen, Internetseiten, Konzerten, Videoarbeiten, Installationen und Performances. Das BuckyMedia Projekt zählt zu den Installationsarbeiten.


Die Installation

Eine Installation beinhaltet per Definition eine Auseinandersetzung mit Raum. Raum wird gleichzeitig eingebunden und abgegrenzt und der Betrachter in diesen Bewegungsfreiraum gestellt, unter Umständen sogar in ihm gelenkt. Installationen, die darüber hinaus audiovisuelle Medien und Computertechnologien einsetzen, bestimmen auch Zeiträume. Die Abläufe innerhalb der Installation sind so strukturiert, das sie zeitliche Entwicklungen mit dem zeitlichen und räumlichen Fortschreiten des Betrachters in Beziehung bringen. Man könnte sogar argumentieren, daß Künstler, die mit diesen Medien arbeiten, zum Hauptziel haben, den Zuschauer in der zeitlichen und räumlichen Dimensionen ihrer Arbeit zu steuern.

Der Raum einer Installation wird nicht vom Künstler, sondern vom Betrachter bewohnt. Der Betrachter wird, wie Margaret Morse schreibt, dadurch zum Ausführenden der Arbeit. („It is the visitor rather than the artist who performs the piece in an installation.“) Die Rolle des Künstlers ist die Schaffung eines Aktionsfreiraumes und eines Kontexts für diese Performance, ein Kontext, der durchaus auch Raum für unvorhergesehenes offen lassen kann.

Die Bedeutung einer Installation entsteht erst in dem Moment, da ein Betrachter interagiert – darin umhergeht, steht, beobachtet oder sie sogar berührt. Installationen, die eine aktive Mitarbeit voraussetzen, sind sich der Bedeutung des Betrachters als ausführendes, sinnstiftendes Element noch bewußter. Eine derartige Arbeit tritt in einen komplexen Dialog mit dem Betrachter, fordert bestimmte Reaktionen heraus und schafft Raum für dessen Mitwirkung.

Im Zentrum unseres Raumes befindet sich eine 80 seitige, 5m große geodätische Kugelkonstruktion. Dieser Bucky Ball ist gleichzeitig ein audiovisuelles Display und ein physisches Interface. Der Betrachter lenkt die im Raum frei bewegliche Kugel und navigiert durch unterschiedliche Interpretationen von realen und virtuellen Räumen. Bildlich gesprochen ist der Bucky Ball ein Symbol der Erdkugel, des weltumspannenden Internets und dessen netzartiger Struktur. Als physischer Gegenstand ist er ein Raum innerhalb eines Raumes, ein Hinweis auf eine andere Art von Architektur, die zyklisch, erweiterbar und unendlich ist.

Bei der Installation geht es darum, sich einem kontinuierlichen Bombardement von Bedeutungen und Zusammenhängen auszusetzen, sodaß die eigene Einheit, das Einheitliche, Ganze, zerteilt, zersplittert wird in eine Vielheit. Die Raumanordnung impliziert immer, daß die Bedeutung eben nicht hier ist (wo sie sich zeigt oder zu sein scheint), sondern irgendwo, zerstreut. Der Raum weist immer von sich selbst weg. Bedeutung ist sonstwo, überall. Die klassische Kunst zielt immer auf ein Zentrum, ein Thema, jeder Moment produziert Kohärenz. In unserer Arbeit zeigt jeder Moment in eine andere Richtung, produziert Inkohärenz. Die Kohärenz liegt vielmehr im Prozeß, von der Zentrierung wegzuzeigen oder wegzuführen. Es kommt zu einer kontinuierlichen Folge von Bedeutungsverschiebungen, wo permanente Überlagerungen Inhalte mit anderen Inhalten ersetzten.

In letzter Konsequenz müssen wir den gesamten Horizont unserer Sinneserfahrung, Erinnerungen, unserer „Zuordnungsdatenbank“ mit in den Raum einbringen. Erst die Vielzahl dieser Ebenen zusammengenommen erzeugt den einheitlichen Prozeß einer kontinuierlichen Bedeutungsverschiebung.

Anstelle des Gegensatzes von Einheit und Vielheit treten zwei Formen von Vielfachheit. Deleuze schreibt dazu: “One is represented by space…It is a multiplicity of exteriority, of simultaneity, of juxtaposition, or order, of quantitative differentiation, of difference in degree; it is a numerical multiplicity, discontinuous and actual. The other type of multiplicity appears in pure duration: it is an internal multiplicity of succession, of fusion, of organization, of heterogeneity, of qualitative discrimination, or of difference in kind; it is a virtual and continuous multiplicity that cannot be reduced to numbers” (Gilles Deleuze, Bergsonism, trans. Hugh Tomlinson and Barbara Habberjam, New York: Zone Books, 1991, p.38)

In einfacheren Worten geht es bei der zweiten Form von Vielfachheit um eine Zeitdauer, die wir, im Gegensatz zu den Zeiteinheiten wie Jahren, Monaten oder Tagen, nicht in kleinere, isolierbare Abschnitte unterteilen können, sondern als eine fließende Veränderung in unserem Inneren erleben. Es ist das, was Bergson eine qualitative Vielfachheit nennt, ohne einer Affinität zur Anzahl; eine organische Entwicklung, die noch keinen quantitativen Niederschlag findet; eine pure Heterogenität, in der sich keine eindeutigen Qualitäten ausprägen. „In a word, the moments of inner duration are not external to one another” (Henri Bergson, Time and Free Will). Virtuelles und tatsächliches Subjekt und Objekt stehen sich nicht mehr als Innen und Außen gegenüber, sondern sind beide Eigenschaften einer Verinnerlichung, die durch den internen Prozeß der Differenzierung beschrieben werden.

Als Konstruktion bestimmt und verwendet der Bucky Ball beide beschriebenen Arten dieser Vielfachheit, indem er als Medium für Bild und Ton die reine, qualitative Zeitdauer und als strukturveränderndes Instrument auch die segmentierte, räumliche Zeitdimension wiedergibt.


Die Musik

Die musikalische Umsetzung des Konzepts basiert auf einem klassischen Ansatz. Die einzelnen Datenpakete der übertragenen Protokolle sind wie Noten, die die Grundlage für eine Gesamtkomposition bilden. Ein Ensemble aus verschiedenen von uns entwickelten Softwareinstrumenten spielt die Komposition, die in Echtzeit „geschrieben“ wird und vom Betrachter bzw. Zuhörer über die Interaktion mit dem Bucky Ball dirigiert, gelenkt oder gemischt wird. Die Kugel wird zur Membran für den raumfüllenden Klang. Eine gute klassische Melodie breitet sich mit jeder folgenden, „unerwarteten“ Note in uns aus, in einer Entwicklung, die von Moment zu Moment stattfindet. Die Spannung, die wir in jedem dieser Momente erfahren, kann sich entweder fokusieren (d.h. sich dem hypnotischen Zweck oder den entwickelnden Strukturen unterordnen) oder ihre Energie verteilen, um eine ganze Gruppe von untereinander interagierenden Teilen freizulegen.

Man kann mehrstimmige Musik hören, indem man die Melodie und die dazu begleitenden Akkorde verfolgt. Um so interessanter erscheint es uns aber, Mehrstimmigkeit als einen Zustand vieler, sich gegenseitig modulierender Töne zu hören. Wir sollten auf die Ausbreitung und Spannung des Akkords in der Vertikale achten, bis sie von der nächsten Konstellation abgelöst wird und so weiter. Es ist hilfreich, die Komplexität und Ausdehnung der einzelnen Zustände unserer Musik für sich zu hören und dann zur nächsten überzugehen. Das wichtige daran ist, daß es sich nicht um eine Entwicklung von Zustand zu Zustand handelt, sondern um eine thematische Modulation, eine kontinuierliche Modulation von Bedeutungen, die einen nicht gefangen nimmt und in altbekannte Gefühlszustände davonträgt, sondern eine geistige und gefühlsmäßige Spannung in uns erhält, um unsere Aufnahmefähigkeit so gut wie möglich beizubehalten, damit jeder einzelne Moment eine unterschiedliche Bedeutung, ein unterschiedliches Motiv haben kann.


related: BuckyMediaConcept
to top

You are here: Hiaz > BuckyMedia > BuckyMediaConceptYosiGerman

to top

Copyright © 1996 - 2006 by hiaz. All material on this collaboration platform is the property of the contributing authors.
Ideas, requests, problems regarding TWiki? Send feedback.